Der sogenannte Haller Schmuck
In der MAK-Sammlung befinden sich zwei perlenbesetzte Kronen für Hostienkelche, sogenannte Ziborien, die einst viel reicher ausgestattet waren. Ihre heute zu sehenden Öffnungen füllten zahlreiche Rosetten aus Gold und Edelsteinen aus. Ursprünglich hatten sie das Brautkleid der Erzherzogin Maria Christierna (1574–1621) geschmückt. Ein in Schloss Ambras aufbewahrtes, ganzfiguriges Porträt der Tochter Karls II. von Innerösterreich zeigt das Kleid mit diesem Gewandschmuck.
Erzherzogin Maria Christierna (1574-1621) im Brautkleid, Tochter von Karl II. von Innerösterreich, Kunsthistorisches Museum Wien, Inv.nr. Gemäldegalerie 3300, ©KHM-Museumsverband, CC BY-NC-SA 4.0
Maria Christierna wurde 1595 mit Sigismund Báthory, Fürst von Siebenbürgen, verheiratet – eine unglückliche und nicht vollzogene Ehe, die bereits vier Jahre später geschieden wurde. 1607 trat sie mit ihrer Schwester Eleonora (1582–1620) in das Königliche Jungfrauenstift in Hall in Tirol ein und stand diesem von 1612 bis zu ihrem Tod als Obristin vor. Aus dem eingebrachten Schmuck der Schwestern entstanden Mitte des 17. Jahrhunderts zwei Ziborienkronen und ein Messkelch – alle drei Objekte wurden 1880 vom Österreichischen Museum für Kunst und Industrie (heute MAK) angekauft. Hier löste man die Rosetten aus den Kronen heraus, um sie genauer untersuchen zu können, und lokalisierte dabei ihre Herstellung im Siebenbürgischen Klausenburg, in Spanien und den Hofwerkstätten von Prag und München. Zudem wurden sie gezeichnet und die Zeichnungen als Stilkopien in die Vorbildersammlung aufgenommen. Die Perlenkronen mit ihrem kostbaren Geschmeide bezeugen eindrucksvoll die Praxis, solcherart Besitztümer bei weltlicher Entsagung einer religiösen Bedeutung zuzuführen. Sie zeigen aber auch einen Umgang mit Objekten zu Forschungszwecken, der heutzutage gänzlich obsolet erscheint.
(Anne-Katrin Rossberg, 2025)